Episode 1: Warum braucht man GMP?

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Herzlich willkommen bei unserem Webcast GMP & TEA und unserer ersten Episode: Warum braucht man GMP? Und was bietet GMP & TEA?

GMP & TEA kommuniziert Good Manufacturing Practice in einer anderen Art, als man es gewohnt ist.

Sind Sie auch der Meinung, dass Good Manufacturing Practice auch Spaß machen darf?

Mit GMP & TEA beleuchten wir GMP-Themen aus unterschiedlichen Blickwinkeln – und Analogien aus dem Alltag verbinden das wirkliche Leben mit der Welt der Arzneimittelherstellung.

In etwa 20 Minuten erhalten Sie ein GMP-Training für alle zu den unterschiedlichsten Themen.

Genug Zeit also für eine Tasse Tee oder Kaffee – oder einfach zum Nur-Zuhören. Verdauliche Häppchen zeigen jedem, wo die Aufgaben der Guten Herstellungspraxis liegen.


Über 25 Jahre Erfahrung mit GMP

GMP gibt es ja in Deutschland mit der Pharma-Betriebsordnung von 1985 nicht erst seit gestern. 1994 hatte ich das erste Mal mit GMP zu tun, und seitdem beschäftige ich mich kontinuierlich mit diesem spannenden Thema.

Mein Name ist Thomas Peither. Ich bin Co-Vorstand des GMP-Verlags, den wir 1999 gegründet haben und der mittlerweile über 20 Mitarbeiter beschäftigt.

Mehr als 20 Jahre habe ich die Pharmaindustrie als GMP-Consultant in vielen Projekten unterschiedlicher Größenordnung begleitet und erfolgreich zur GMP-Compliance geführt. Die gesammelten Erfahrungen in unzähligen Projekten bei Herstellern, Lieferanten, Dienstleistern und Trainingsanbietern wird natürlich in diese Webcast-Reihe GMP & TEA einfließen.

Mir ist es ein persönliches Anliegen, dass das Bewusstsein für GMP bei jedem Mitarbeiter präsent ist.

Nun, Warum GMP? GMP ist kritisch!

Im August 2010 brachte sogar die Bild-Zeitung eine Meldung die man mit GMP in Verbindung bringen kann: "Die Babys hatten in der Uni-Klinik Mainz verseuchte Nährlösung erhalten. Insgesamt bekamen elf Kinder auf der Intensivstation die mit Darmbakterien verunreinigte Nährlösung. Drei Babys, darunter zwei Frühchen, starben. Der Zustand von vier weiteren kleinen Patienten hat sich verbessert. Auch sie hatten nach der Infusion Symptome einer Infektion gezeigt. Sie leiden zwar noch an ihrer Grunderkrankung, sind aber stabil." (Quelle: bild.de)

Kritische Fälle – wir haben es dabei oft mit Menschenleben zu tun.

Drei Jahre später, im Oktober 2013, schaffte es ein weiterer Fall in die Presse. Vielleicht können Sie sich noch daran erinnern.

Die "Welt" schreibt: "Der Pharmahersteller Novo Nordisk muss 3 Millionen Spritzen zurückrufen. Nur ein kleiner Prozentsatz ist fehlerhaft dosiert – doch für Diabetiker kann eine solche Spritze lebensgefährlich werden. [...] Ursache war ein defektes Ventil in einem der Produktionstanks. Dieser Fehler ist bereits behoben und kann sich auch nicht wiederholen."

(Die Welt, 25.10.13)

Klassischer Fall eines GMP-Fehlers in der Risikokette der Herstellung – keiner ahnte vorher, was ein defektes Ventil an dieser Stelle verursachen kann.


Arzneimittelhersteller verkaufen Gesundheit

Was, denken Sie, wünscht sich (eine) junge Krebspatientin? Wird sie sich über Verunreinigungen in Medikamenten Gedanken machen? Sicherlich nicht. Das ist unsere Aufgabe, denn am Ende verkaufen wir Gesundheit oder zumindest die Linderung von Beschwerden. Das ist das Verkaufsversprechen von Arzneimitteln.

So kann man zu der Feststellung kommen: GMP muss wirken! In jedem Fall!

Und jeder von uns kann dazu beitragen, dass die Anforderungen der Good Manufacturing Practice ständig und immer umgesetzt werden. Nur so kann die GMP wirklich wirken und beim Patienten ankommen. Die gesamte Herstellungskette ist gleichermaßen davon betroffen. Ob Herstellung, Verpackung, Distribution, Lagerung oder Transport – GMP geht jeden an. Wir kommen darauf im Rahmen der Webcast-Reihe noch zu sprechen.

Warum eigentlich GMP?

Jeder, der Arzneimittel nimmt, hat eine Beschwerde oder ist ernsthaft krank.

  • Kranke Menschen sind in ihrem Organismus geschwächt Das kann soweit gehen, dass das Immunsystem zum Teil außer Kraft gesetzt ist. Verunreinigungen jeglicher Art können hier einen massiven Einfluss auf den kranken Organismus haben. Bei Infusionslösungen oder Spritzen kann dies lebensgefährlich werden.
  • Uns muss bewusst sein, dass die Qualität von verkaufsfertigen Arzneimitteln nur noch zerstörend geprüft werden kann. Das bedeutet, dass wir eine Tablette, Kapsel oder Fertigspritze zerstören müssen, um die Qualität zu prüfen. Wenn wir eine hundertprozentige Kontrolle wollten, können wir keine Produkte mehr verkaufen. Daher werden Stichprobenprüfungen durchgeführt, auf die wir uns alle verlassen müssen – ob Hersteller, Apotheker, Arzt oder Patient. Wir müssen uns also sicher sein, dass bei der Herstellung alles korrekt abgelaufen ist – und das bei jeder Schachtel, bei jeder einzelnen Tablette, bei jeder Spritze.
  • Uns muss bewusst sein, dass das Leben von einzelnen Menschen auf dem Spiel steht, wenn wir uns nicht sicher sind. Wir haben es mit einem sensiblen Produkt und mit einem sensiblen Markt zu tun.
  • Und hier kommen die Behörden ins Spiel, die eine wichtige Aufgabe haben: Sie schützen die Bevölkerung vor schlechten Arzneimitteln.


Stellen wir uns eine Patientin vor, die in eine Apotheke geht. Diese Patientin stellt sich die seltene Frage, ob das Arzneimittel wohl in der richtigen Qualität herstellt wurde. Wer kann das wohl prüfen?

  • Der Apotheker kann kaum etwas über die Qualität der einzelnen Packung sagen. Aufgrund des Originalitätverschlusses kann er die Packung gar nicht mehr zerstörungsfrei öffnen.
  • Der Großhändler und Transporteur übernimmt nur den Versand.
  • Der Arzt, der das Medikament verschreibt, bekommt die Packung nie zu Gesicht.

Wer also prüft die Qualität?

Nur der Hersteller kann die korrekte Qualität feststellen.

Und nun muss man sich die Frage stellen, wer den Arzneimittelhersteller prüft.

Vielleicht ist das auch der wesentliche Grund, warum es GMP überhaupt gibt. Wollen wir in jedem Fall darauf vertrauen, dass das Unternehmen alles richtig macht? Dieses gesellschaftliche Risiko wurde erkannt.

Daher übernehmen die GMP-Überwachungsbehörden die wichtige Aufgabe, die Hersteller zu überprüfen. In einer späteren Episode gehen wir noch im Einzelnen auf die Überwachungsbehörden in Europa, Deutschland, Österreich und der Schweiz ein.

Die Verantwortung bleibt aber beim pharmazeutischen Unternehmer. Denn auch der GMP-Inspektor kann nur ab und zu beim Hersteller vorbeischauen. Das Unternehmen muss dafür sorgen, dass ausschließlich Arzneimittel in den Verkehr gebracht werden, also verkauft werden, die die Qualitätsanforderungen erfüllen.

Die Behörden schützen also die Gesellschaft. Sie übernehmen den Verbraucherschutz in diesem Bereich. Wir Verbraucher müssen uns sicher sein, dass nur GMP-konform hergestellt Arzneimittel auf den Markt kommen.

Es macht also auch keinen Sinn, dass ein Qualitätssystem nur für die Inspektion gelebt wird, sondern auch dann gelebt wird, wenn der Inspektor aus der Tür ist oder wenn niemand zuschaut.

Nur so kann sich der Patient sicher sein, dass das Arzneimittel, das er in der Apotheke voller Vertrauen erwirbt, auch das Vertrauen rechtfertigt und zu 100 Prozent korrekt hergestellt, gelagert und transportiert wurde.

Die Behörden nehmen diese Aufgabe sehr ernst und brauchen für die Erfüllung dieser Aufgaben eine gesetzliche Grundlage. Daher gibt es Gesetze, Richtlinien, Guidelines usw. Diese Regularien sind in den letzten Jahrzehnten in vielen Ländern unabhängig entstanden. Noch vor 30 Jahren wurden Arzneimittel überwiegend lokal herstellt – also im gleichen Land. Heute hingegen beliefern einzelne Werke bereits über 100 Länder. Die Globalisierung hat viel verändert.

Es ist also nicht verwunderlich, dass jedes Land eigene Regularien hat. Es ist über die letzten Jahrzehnte ein regelrechter GMP-Regularien-Dschungel entstanden. Dies erschwert natürlich die Inverkehrbringung in verschiedenen Ländern.

In den letzten 20 Jahren wurde die Harmonisierung oder Angleichung der GMP-Regularien stark vorangetrieben. Ich möchte an dieser Stelle gar nicht ins Detail gehen, das würde den Rahmen dieses Einstiegs-Webcast sprengen. Wir werden aber in einer späteren Episode auch dieses Thema beleuchten.

An dieser Stelle möchte ich aber schon einmal sagen, dass wir in Europa in der Harmonisierung sehr weit vorangeschritten sind. Die wesentlichen Richtlinien kommen aus der Europäischen Union und gelten für alle EU-Mitglieder. Konkret ist dies der EU-GMP-Leitfaden mit den Anhängen und Zusatzdokumenten.

Dieser GMP-Dschungel sieht sehr komplex aus und ist es auch, wenn man ehrlich ist. Auch ich stehe heute noch manchmal vor einer grünen Wand und muss mich erst einmal in Themen einarbeiten, um alles zu verstehen.

Aber unser Ziel bei GMP & TEA ist ja, gerade dabei zu helfen, diesen Regularien-Dschungel zu verstehen und den Ausweg zu finden. Denn oft sieht man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr, wenn man mittendrin steht. Wir verändern die Perspektive und blicken ein wenig anders drauf, um den Weg zur GMP-Compliance wieder zu sehen.


Wo finden wir GMP?

Wer mit den Good Manufacturing Practices im Alltag bereits vertraut ist, weiß, dass GMP in der AM-Herstellung überall zu finden ist. Da es zu jedem der folgenden Punkte noch eine eigene Episode von GMP & TEA geben wird, reißen wir die Aspekte nur an:

  • Wir finden GMP in jedem Dokument. Dabei spielt es keine Rolle, ob es sich um ein Formular, ein Logbuch, ein Protokoll oder einen Bericht handelt. Überall, wo handschriftliche oder elektronische Unterschriften getätigt werden, ist in jedem Fall GMP im Spiel.
  • In jeder Maschine und Anlage, die für die Herstellung oder den Transport und die Lagerung von Arzneimitteln benötigt wird, ist GMP versteckt. Jede Maschine muss geprüft und verifiziert werden. Auch Fahrzeuge, Kühleinrichtungen und Wasseraufbereitungsanlagen.
    • Sind sie richtig gebaut?
    • Erfüllen sie die Anforderungen?
    • Sind alle Dokumente vorhanden?
  • Auch die Räume und Gebäude, in denen Arzneimittel hergestellt oder gelagert werden, müssen GMP-konform gebaut sein. Auch müssen sie regelmäßig überwacht werden.
  • Damit jeder Mitarbeiter weiß, was er tun muss und für was er verantwortlich ist, müssen Stellenbeschreibungen vorliegen. Darin werden wesentliche GMP-Aspekte abgedeckt und beschrieben.
  • Arbeitsanweisungen & SOPs sind aus der Pharmawelt nicht mehr wegzudenken. Hierin werden die Prozesse im Detail beschrieben. Dabei sind Arbeitsanweisungen und SOPs so etwas wie die betriebsinterne Gesetzessammlung. Jeder sollte sich daran orientieren.
  • Mit den Festlegungen in SOPs stecken in jedem Herstellungsprozess GMP-Anforderungen, die erfüllt werden müssen. Auch wenn es einmal anders läuft als in der Herstellanweisung beschrieben. Dann greifen die Qualitätsprozesse in mitgehenden SOPs, wie z. B. das Abweichungswesen.
  • Immer wieder sind in der Herstellungskette Transporte und Lagervorgänge enthalten. Auch diese sind von der GMP betroffen. Da heute auch viele externe Dienstleister in diese Aufgaben eingebunden sind, spricht man auch von der Good Distribution Practice oder kurz GDP.

Wie schon erwähnt, werden wir all diese Aspekte in weiteren Episoden von GMP & TEA beleuchten. Sie sehen, dass da noch einiges auf uns zukommt.


GMP ist eine Mannschaftsleistung

An der Vielfalt der genannten Aufgaben und Anforderungen erkennt man, dass GMP nur im Team funktioniert. Nur ein heterogen zusammengestelltes Team kann komplexe Dokumente und Arbeitsabläufe bestmöglich erstellen.

Die Erstellung von Abweichungsberichten (Deviation Reports) und Arbeitsanweisungen (SOPs, Standard Operation Procedures) können hier nur als Beispiel genannt werden.

In späteren Folgen sprechen wir auch diese Prozesse noch im Detail an.

GMP ist nichts für Einzelkämpfer. Wenn die Zusammenarbeit im Team nicht funktioniert, wird die GMP-Compliance ein unerreichbares Ziel bleiben.

Nicht nur das Qualitätsmanagement, die Qualitätskontrolle und die Sachkundige Person (auch Qualified Person genannt) sind dabei im Boot. Auch die Herstellung, die Technik und auch häufig noch die Entwicklung spielen dabei eine entscheidende Rolle.

Nicht zu vergessen: Das gesamte Management ist ein grundsätzlicher Bestandteil. Das Verständnis für GMP muss auf allen Ebenen gewährleistet sein. Wenn GMP nur in den Qualitätsabteilungen gelebt wird, sind GMP-Mängel vorprogrammiert.

Zusammenfassend kann man zur Frage "Warum braucht man GMP?" sagen:

  • GMP schützt die Patienten vor schlechten Arzneimitteln.
  • GMP wurde erfunden, um Patienten zu schützen und das Risiko durch schlechte Arzneimittel zu reduzieren.
  • Jede kritische Erfahrung im Markt führt auch heute noch zur Verschärfung von Anforderungen. Das bedeutet auch, dass jeder, der sich an GMP-Anforderungen hält, als "Verbraucherschützer" handelt.

Die Patienten erwarten wirksame und sichere Arzneimittel, die die Qualitätsanforderungen der Zulassung erfüllen. Die Patienten hinterfragen all dies nicht, sondern gehen stillschweigend davon aus, dass alles gut ist.

Daher haben alle eine hohe Verantwortung, die tagtäglich Arzneimittel herstellen, und schützen so die Patienten vor schlechten Arzneimitteln.

Auf der anderen Seite schützen auch wir uns durch GMP-konformes Arbeiten. Denn Dokumente, die wir erstellen, beweisen auch, dass wir die richtigen Dinge zum richtigen Zeitpunkt gemacht haben.

Das heißt: Dokumente sind Beweise für korrektes Arbeiten.

Wer nicht richtig dokumentiert, geht die Gefahr ein, dass die Schuld bei ihm oder ihr gesucht wird, wenn ein Fehler gefunden wird. GMP ist also auch ein Sicherheitsnetz für uns alle, die in der Herstellung von Arzneimitteln arbeiten.

Ich kenne einen Spruch von früher: "Wer schreibt, der bleibt."

Also: wer dokumentiert, stellt auch sicher, dass es nicht vergessen wird, dass er die richtigen Dinge getan hat.

Und wie oft haben sicherlich auch Sie schon den Satz gehört: "Was nicht dokumentiert ist, wurde nicht getan." Gerade in GMP-Inspektionen wird dies ja auch oft genug hinterfragt.

  • Daher müssen Mitarbeiter den Umgang mit den Anforderungen der GMPs kennen und diese immer wieder trainieren. Ein Teil des Trainings kann diese GMP-&-TEA-Reihe leisten. Vieles andere muss zusätzlich vor Ort geschult und geübt werden.
  • Aber auch die Technik muss nachweisbar funktionieren. Ein positiver Qualifizierungsstatus muss für die Maschinen immer gewährleistet sein. Daher müssen nicht nur die Mitarbeiter, sondern auch die Technik qualifiziert sein.

Auch ist es wichtig, zu wissen, dass GMP-Regularien nur die Rahmenbedingungen festlegen. Die GMP-Regelwerke umfassen mehrere Tausend Seiten Richtlinien. Leider sind sie selten so detailliert, dass man daraus Arbeitsanweisungen oder SOPs ableiten kann. Auch Herstellungsschritte, deren Anforderungen und Dokumentation sind darin selten zu finden.

Dies muss alles abgeleitet werden, da die GMP-Regularien nur die Leitplanken festlegen. Es ist wie auf der Autobahn. Sie müssen zwischen den Leitplanken fahren. Ob Sie auf der rechten, mittleren oder linken Fahrspur fahren oder auf dem Pannenstreifen, ist Ihre Entscheidung.

Ähnlich regeln SOPs oder Arbeitsanweisungen oder Verfahrensanweisungen das GMP-konforme Handeln im Betrieb. Entscheidend für die GMP-Konformität ist, dass die Anweisungen konsistent und passend für den Prozesse sind und von den Mitarbeitern konsequent umgesetzt werden.

Und auch hier gilt das Prinzip von vorhin:

GMP erreicht man nur gemeinsam als Mannschaft.

Soweit für heute zum Thema: Warum GMP?

Und bevor ich einen Blick auf die nächste Episode werfe, gebe ich Ihnen noch ein kleines Zitat mit auf den Weg.

"Was dem Schwarm nicht nützt, das nützt auch der einzelnen Biene nicht."

Das schreibt man dem römischen Kaiser Marc Aurel zu.

Was vor 2.000 Jahren galt, gilt noch immer auch im GMP-Bereich. Alleine kann keiner etwas bewirken – im Schwarm oder im Team gelingt dies viel besser.